Stationärer Einzelhandel in der Zerreißphase?

28. Oktober 2014

Die Handelslandschaft verzeichnet derzeit sehr gute Rahmenbedingungen. Eine geringe Arbeitslosenquote, Sicherheit der Arbeitsplätze, gestiegene Einkommen / Renten und eine höhere Kaufneigung auch aufgrund des äußerst niedrigen Zinsniveaus sollten sich positiv auf die Umsatzentwicklung im Einzelhandel auswirken. Es ist jedoch festzustellen, dass sich eine zunehmende Verschiebung in der Handelslandschaft zeigt. Eine positive Umsatzentwicklung insgesamt wird zu Lasten des stationären Einzelhandels mit rückläufigen Umsätzen durch überproportionale Zuwächse im Onlinehandel erzielt.

Der stationäre Einzelhandel steht derzeit im Spannungsfeld zwischen „grüner Wiese“, Veränderungen durch neue Shopping- und Outlet-Center und insbesondere durch neue Kaufgewohnheiten. Nach aktuellen Daten des Bundesamtes für Statistik haben in 2013 ca. 45 Mio. Menschen das Internet genutzt, um privat einzukaufen oder um Bestellungen aufzugeben. Der Marktanteil des Onlinehandels hat sich in 2013 im Vergleich zu 2008 nahezu verdoppelt. Nach Aussagen des Institutes für Handelsforschung (IfH) greift der Onlinehandel ab 2014 auch verstärkt Marktanteile des klassischen Einzelhandels ab; der Marktanteil des Onlinehandels soll bis 2020 auf über 20 % steigen.

Insofern steht der stationäre Handel vor enormen Herausforderungen. Jeder Händler / Unternehmer ist gefordert, kurzfristig und überzeugend auf die Veränderungen zu reagieren, will er nicht Gefahr laufen, dass der Abstand zur Konkurrenz größer wird.

Was ist zu tun? Naturgemäß gibt es keine Patentrezepte, hierzu sind die individuellen Gegebenheiten zu verschieden. Aber es gibt einen „Fahrplan“, einen „Maßnahmenkatalog“, den Herausforderungen zu begegnen.

Von elementarer Bedeutung ist es zunächst einmal, sich kritisch mit dem eigenen Unternehmen auseinanderzusetzen. Warenwirtschaftliche, betriebswirtschaftliche und finanzielle Gegebenheiten sind zu analysieren und auf Verbesserungsmöglichkeiten zu untersuchen. Die Ermittlung von „Gewinn- und Verlustbringern“ und das Auseinandersetzen mit den Einflussfaktoren bringen erste Erkenntnisse (Ist-Analyse), die einen Handlungsplan nach sich ziehen und in eine detaillierte Unternehmungsplanung, insbesondere mit der Erstellung eines aussagefähigen Finanzplanes, münden.

Wer sein eigenes Unternehmen gut aufgestellt hat, kann aus einer „Position der Stärke“ agieren und hat somit wesentlich mehr Handlungsspielraum.

Ein eigener Internetauftritt ist in der heutigen Zeit unentbehrlich. Dieser ist u.a. zwingend mit Sortimentsinhalten und Angeboten zu hinterlegen und laufend zu aktualisieren. Idealerweise ist eine Integration von stationären und elektronischen Absatzkanälen zu realisieren. Dieses „Multi-Channel-Retailing“ ist durchaus als Chance für den stationären Handel zu verstehen, der aktuellen Entwicklung zu folgen, evtl. kann sogar ein eigener Geschäftszweig entstehen.

Auch der Kunde hat sich „verändert“. Heutzutage ist er durch das Internet hinsichtlich Produkt und Preis wesentlich informierter. Dies bedeutet, dass auch das eigene Verkaufspersonal intensiv zu schulen ist und Kundenansprache und Serviceangebote verbessert werden müssen.

Das Argument „bei mir ist die Beratung gut“ wird man von allen Wettbewerbern hören. Es ist jedoch heraus zu stellen, inwiefern sich der individuelle Einzelhändler von seinen Konkurrenten „unterscheidet“. Kunden gewinnen und binden durch Einzigartigkeit, Effizienz und Emotionalisierung sind gefragt.

Naturgemäß spielt bei der Bewertung der Zukunftsaussichten des stationären Einzelhändlers neben den betriebswirtschaftlichen Faktoren sowohl der Mikrostandort, das Erscheinungsbild als auch die Attraktivität des Umfeldes und der Stadt eine Rolle. Angesichts eines zunehmenden Bewusstseins gegenüber Umwelt und Region gilt es, die Menschen mit ihrer Stadt zu „verorten“ (Hyperlocal).

Aktivitäten seitens des Stadtmarketing bzw. der Wirtschaftsförderung unterstützen den Unternehmer vor Ort. In diesen Verbund sollten auch die Vermieter eingebunden werden, denn letztlich will niemand leere und unattraktive Innenstädte.

Das Internet ist unumkehrbar, das Motto „Augen zu und durch“, und „das Weihnachtsgeschäft wird es richten“ gefährdet nicht nur die Arbeitsplätze, sondern letztlich auch die Existenz des Unternehmers. Das Sprichwort „Konjunktur haben nur die Aktiven“ ist in der jetzigen Zeit von hoher Bedeutung und wichtiger denn je.

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